Wie ein Klausurtag mit einem Musikverein ablaufen kann und was er bringt

Letzten Samstag war es endlich wieder soweit! Nachdem mein letzter Klausurtag bei einem Musikverein Anfang März war, habe ich mich um so mehr gefreut, endlich wieder „raus“ zu dürfen. Die Pandemie hat leider einige Termine platzen lassen. Um so schöner, dass diese nun nachgeholt werden. Für mich gibt es kaum eine schönere Aufgabe als Workshops in Blasmusikverbänden für Vereinsverantwortliche zu halten oder eben direkt in den Musikvereinen vor Ort mit den Musikerinnen und Musikern zu arbeiten. Das konkurriert höchstens noch mit dem Schreiben von Blogbeiträgen für den Blasmusikblog.com

Gerade für Klausurtage in Musikvereinen häufen sich in den letzten Tagen und Wochen die Anfragen. Die Zeit ist ideal: Viele Musikvereine können noch nicht in gewohnter Weise ihren Aktivitäten nachgehen. „Eigentlich“ wäre nun die Zeit für Probenwochenenden und -tage, für die Vorbereitung für die Herbst- und Winterkonzerte. Die Zeit, bei dörflichen Festen durch Catering ein paar Euros für die Vereinskasse zu verdienen. „Eigentlich“. Für mich schon jetzt das Unwort des Jahres 2020. Es gibt dieses Jahr viel zu viel Gelegenheiten, dieses Unwort zu benutzen. Aber das ist ein anderes Thema. Die Musikvereine haben schlichtweg durch das Wegfallen ihrer üblichen Aktivitäten Zeit für außermusikalische Themen.

Letzten Samstag nun, wie schon geschrieben, durfte ich endlich wieder einen Klausurtag direkt in einem Musikverein durchführen. Zum ersten Mal, zu meiner großen Freude, in der Schweiz! Ich war zunächst etwas nervös. Die Schweizer Blasmusikszene ist mir zwar vertraut, da ich schon bei vielen Anlässen in der Schweiz war und sehr viele Kontakte zu Schweizer Dirigenten und Komponisten pflege. Und doch hatte ich die Befürchtung, dass eventuell unbekannte Probleme und Herausforderungen auf mich zukommen könnten. Falsch gedacht. Bis auf unterschiedliche Begrifflichkeiten bin ich in dieser Schweizer Musikgesellschaft auf genau die gleichen Probleme wie bei den Musikvereinen in Deutschland gestoßen.

Die gleichen Probleme? Nun, ganz die gleichen nicht. In jedem Musikverein sind die Probleme immer etwas unterschiedlich gelagert. Mal steht eher das Thema Jugendarbeit im Mittelpunkt, mal eher die Umstrukturierung der Vorstandschaft zu einem teamorientierten Vereinsmanagement, das (nicht vorhandene) Marketing, die quantitativ unzureichende Besetzung, die interne Kommunikation, die Unzuverlässigkeit der Musiker, die fehlende Motivation oder ähnliches im Fokus. Und jeder Verein ist natürlich anders! Schon von der Zusammensetzung, der Struktur und des Umfangs her. Dann ist das Umfeld natürlich immer etwas anders. Manche sind eher städtisch, andere eher ländlich geprägt. Einige Vereine haben ihre eigene Bläserschule, andere arbeiten mit Musikschulen zusammen. Nicht zu vergessen die unterschiedlichen Arten der Finanzierung. Und so weiter. Deshalb gibt es auch keine Patentrezepte, die über einen Verein übergestülpt werden können und schon ist alles gut.

Beim Klausurtag erzähle ich den Vereinen nicht, was sie machen sollen oder gar müssen. Das wäre fatal und von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Denn nur Maßnahmen, die innerhalb des Musikvereins von den Musikern selbst erdacht und getroffen werden, haben die breite Unterstützung, die für nachhaltige Veränderungen notwendig sind. Nur was von „innen“ heraus kommt kann auch wirklich etwas bewirken. Jeder Musikverein gestaltet sich selbst. Und was ist der Musikverein? Ein Musikverein ist die Summe seiner Mitglieder. Deshalb kann ich immer nur unterstützend wirken, meine Erfahrungen und Ideen einbringen und den Tag moderieren. Die Entscheidungen, welche Maßnahmen ergriffen werden, wer sie ausführt und bis wann sie erledigt sind, treffen die anwesenden Musikerinnen und Musikern selbst.

Klausurtage, wie ich sie konzeptionell durchführe, eignen sich am besten für Musikvereine bzw. Blasorchester, mit maximal 32 Musikerinnen und Musikern. Also für den ganzen Verein, wenn er eher etwas kleiner ist.

Ist das Blasorchester größer als 32 MusikerInnen, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Bei mehr als 32 Teilnehmern reicht ein einziger Tag nicht aus! Das Konzept ist dann etwas anders, aber auch so, dass in Gruppenarbeiten die Themen bearbeitet werden. Bei mehr Teilnehmern benötigt man für die Diskussion und die Maßnahmen-Definition jedoch viel länger. Also Möglichkeit Nr. 1 bei mehr als 32 Teilnehmern: ausdehnen auf zwei Tage. Die zweite Möglichkeit ist, den Klausurtag mit der Vorstandschaft plus den Registerleitern durchzuführen. Mit ca. 10 bis 12 Vorstandsmitgliedern und 8 bis 10 Registerleitern (also insgesamt 18 – 24 Teilnehmern) ist die Gruppe sehr effektiv!

Wie läuft ein Klausurtag in einem Musikverein ab? Zunächst ist es einmal sehr wichtig, dass er pünktlich spätestens um 9.30 Uhr beginnt. Das Tagesprogramm ist anstrengend. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr gefordert. So gefordert, dass meistens ab 16 Uhr alle „platt“ sind. Die restliche Zeit bis 17.00 Uhr (die Endzeit, die ich immer ansetze) wird dann noch für allgemeine Fragen, das Resümee und das gemeinsame Aufräumen gebraucht.

Wichtig ist auch eine gute und doch praktische Verpflegung vor Ort. Kaffee und Gebäck zu den Kaffeepausen und über Mittag ein Snack vor Ort (wie zum Beispiel Fleischkäsweckle – meine Leibspeise, nicht nur bei diesen Anlässen) sowie genügend kalte Getränke. Da dies unter Corona-Umständen zurzeit nicht möglich ist, hat am vergangenen Samstag einfach jeder selbst seine Getränke und sein Essen mitgebracht. Abraten möchte ich ganz dringend vor dem Gang ins Restaurant. Es kostet zu viel Zeit und fördert das Spätzle-Koma nach dem Mittagessen.

Was gefällt Dir an Deinem Musikverein am besten? Blasorchester

Ein positiver Einstieg in den Klausurtag ist mir sehr wichtig! Deshalb frage ich zu Beginn des Workshops auch „Warum spielst Du im Musikverein?“ und „Was ist das Besondere an Deinem Musikverein?“ Dies ist keine Alibi-Übung für die gute Laune, denn die Ergebnisse können ganz prima für die permanente positive Außendarstellung des Musikvereins verwendet werden. Praxisnah und effektiv.

Es gibt genau vier Bereiche, in denen es Probleme innerhalb des Musikvereins geben kann: Musik/Musiker, Organisation, Jugend und Finanzen. In vier zufällig zusammengesetzten Arbeitsgruppen werden die Probleme im jeweiligen Bereich zusammengetragen.

Anschließend werden die Arbeitsergebnisse im großen Plenum vorgetragen, diskutiert und bewertet. Die vier dadurch erkannten dringendsten Probleme gehen dann wiederum in die Arbeitsgruppen (die dieses Mal anders zusammengesetzt sind). In diesen werden dann Lösungsansätze und -vorschläge erarbeitet. „Ja-aber-Sätze“ sind in dieser Phase tödlich… bzw. hinderlich, um es weniger dramatisch auszudrücken. Gearbeitet wird nach vier Prinzipien:

  • Jede Idee zählt
  • Quantität vor Qualität
  • Keine Kritik an Ideen
  • Es ist egal, was es kostet
Besetzung

Die Lösungsansätze der einzelnen Gruppen werden dann im Plenum wieder vorgestellt, diskutiert und bewertet. Gleich anschließend werden die Maßnahmen definiert, die Personen, die sich darum kümmern und bis wann etwas erledigt wird schriftlich festgehalten.

Spätestens beim Vorstellen der Lösungsansätze passiert bei jedem Klausurtag, den ich durchführe, etwas ganz Besonderes: Plötzlich kommen unglaubliche positive Wellen auf und eine ganz neue Motivation zieht sich durch den Raum von Musiker zu Musiker. Es melden sich freiwillig, ohne Zögern, Personen für Arbeitsgruppen, von denen nie jemand gedacht hat, dass sie überhaupt für eine Aufgabe zur Verfügung stehen. Das sind Erfahrungen, die ich wirklich bei jedem der bisherigen Klausurtage gemacht habe. Und das ist einfach wunderbar.

Aus Rückmeldungen von Teilnehmern weiß ich, dass die Gelegenheit des gegenseitigen Austauschs von sehr großer Bedeutung ist. Im normalen Probenbetrieb ist der verbale Austausch zwischen den Musikern nicht möglich. Auch nach der Probe werden die wirklich wichtigen Dinge verständlicherweise nicht besprochen. Schon gar nicht nach den Konzerten! Denn dann wird ausgiebig gefeiert. So kann ein Klausurtag ein echter Kommunikationstag der Musikerinnen und Musiker werden. Das gegenseitige Verständnis wird gefördert, unterschiedliche Ansichtsweisen begründet und Hintergründe beleuchtet. Nicht zuletzt für die Kameradschaft bzw. die Kollegialität (wie es in der Schweiz heißt) ist so ein Klausurtag nur förderlich!

Was nach dem Klausurtag kommt, liegt ganz in den Händen des Musikvereins selbst. Schließlich muss die Arbeit, die in Maßnahmen beim Klausurtag definiert wurde, auch gemacht werden! Aber da bin ich immer ganz zuversichtlich. Die Motivation hält an. Ganz praktisch zeigt sich das in vielen Rückmeldungen von den Musikvereinen, die mir dann beispielsweise Konzepte für Werbemaßnahmen für neue Musiker, neu aufgestellte Organigramme, den Link zur neuen Website, Einladungen zu besonderen Konzerten oder ähnliches zukommen lassen.

Mein Terminkalender für Workshops und Klausurtage ist für dieses Jahr nahezu voll. Ein paar wenige Termine gibt es noch. Beispielsweise am 8. November, am 6. Dezember oder am 12. und 13. Dezember. Wer zuerst kommt… Aber im neuen Jahr besteht ja auch noch die Möglichkeit… Anfragen mailt Ihr gerne an alexandra@kulturservice.link. Gerne könnt Ihr mich auch anrufen: +49/7633/9193038 (Mo – Fr 8.00 – 13.00 Uhr) oder Ihr benutzt dieses Formular:

Ihr Name (Pflichtfeld)

Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtfeld)

Betreff

Ihre Nachricht

Auf Anfrage kann ich Euch gerne auch Referenzen nennen.

Einen großen Nachteil der Klausurtage möchte ich Euch nicht verschweigen: Es ist nicht möglich, alle bestehenden Probleme an diesem einen Tag zu diskutieren und wir können auch nicht zu jedem Problem Maßnahmen definieren. Die Zeit reicht dazu nicht aus. Und mehr als drei bis fünf Maßnahmen für die Monate nach dem Klausurtag sind für die Vereine auch einfach nicht zu schaffen. Lieber ein paar wenige Maßnahmen festlegen, die dann auch in die Tat umgesetzt werden als zu viel, die dann nicht bewältigt werden können. Die Arbeitsergebnisse des Klausurtages fasse ich schriftlich zusammen, so dass keine Ideen verloren gehen. Es ist allerdings dann wiederum an den Vereinen selbst, dass sie dieses Dokument nach einiger Zeit wieder vornehmen und weitere Maßnahmen – so nötig – in die Wege leiten. Gerne komme ich nach zwei bis drei Jahren auch nochmals für einen erneuten Klausurtag. Schließlich ist eine permanente Selbstreflexion und das Hinterfragen des eigenen Tuns von Zeit zu Zeit sehr nützlich.

Ich freue mich auf Eure Anfragen!
Alexandra Link

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